Das Rosenhan-Experiment

By @stayoutoftherz2/8/2026hive-196387

Liebe Leser!

Wie kann man Gesunde von geistig Kranken unterscheiden? Gibt es einen "Turing-Test" für das Feststellen von geistiger Gesundheit? David Rosenhan simulierte, krank zu sein und ließ sich selbst psychiatrieren - und wurde danach auch wie ein Kranker behandelt!

Das damals einflußreiche und ziemlich verrückte Rosenhan-Experiment beschäftigte sich mit der Frage, wie zuverlässig und vorurteilsfrei die Diagnostik in der Psychiatrie ist. Es wurde durchgeführt zwischen 1968 und 1972, 1973 hatte es Rosenhan in "Science" veröffentlicht1 unter dem Titel "On Being Sane in Insane Places".

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https://www.economist.com/books-and-arts/2020/01/09/the-psychologist-who-pretended-to-be-insane

Das Experiment

Der charismatische David Rosenhan, Professor für Psychologie an der Stanford University, beliebt bei seinen Studenten, und acht weitere Personen (darunter Psychologen, ein Psychiater, ein Kinderarzt, ein Maler, ein Psychologiestudent und eine Hausfrau) - alle soweit geistig völlig normal - begaben sich unter falschen Namen in verschiedene psychiatrische Kliniken in den USA. Er hatte mit sich selbst begonnen und danach schrittweise andere Versuchsteilnehmer dazu überredet, mitzumachen. Sie alle simulierten bei der Aufnahme psychotische Symptome, indem sie angaben, Stimmen zu hören, die die Wörter "empty" (leer), "hollow" (hohl) und "thud" (dumpfer Schlag) sagten – Symptome, die in der psychiatrischen Literatur nicht vorkamen und bewusst vage gewählt waren. Die Teilnehmer bereiteten sich vor, indem sie sich mehrere Tage nicht wuschen, nicht rasierten und schmutzige Kleidung trugen, um authentisch zu wirken. Sie vereinbarten Termine telefonisch und ließen sich vor den Kliniken absetzen.
Sobald sie eingewiesen wurden, hörten sie sofort auf, Symptome zu zeigen, und verhielten sich vollständig normal (einige waren aber anfangs nervös und gestresst, weil sie vermuteten, ihr Schwindel würde auffliegen). Ihr Ziel war es, durch kooperatives und normales Verhalten ihre Entlassung zu erreichen. Sie protokollierten heimlich Ereignisse in den Kliniken und fragten das Personal nach Ausgangsrechten oder Entlassungsterminen (was oft ignoriert wurde), verhielten sich aber ansonsten mustergültig. Verordnete Medikamente nahmen sie allerdings nicht ein, sondern entsorgten sie unauffällig (Rosenhan hatte sie instruiert, wie das am besten ging). Die Kliniken wussten nichts von der Täuschung. Die Teilnehmer mussten sich selbst "herausreden", da kein externes Eingreifen geplant war (es gab angeblich eine anwaltliche Möglichkeit, eine Entlassung zu erzwingen, aber dazu war es nicht gekommen).

Alle acht Teilnehmer wurden als psychisch krank eingestuft und eingewiesen: Bei sieben wurde Schizophrenie diagnostiziert, bei einer Person eine manisch-depressive Psychose. Keiner wurde als gesund erkannt und es gab bei keinem dokumentierte Anzeichen vom Verdacht einer Simulation. Die Aufenthaltsdauer betrug durchschnittlich 19 Tage (von 7 bis 52 Tagen), und sie wurden meist mit der Diagnose "Schizophrenie in Remission" entlassen – was implizierte, dass die Krankheit weiterhin bestand, nur symptomfrei war. Insgesamt wurden ihnen über 2.100 Tabletten verabreicht (meist sedierende). Andere Patienten in den Kliniken durchschauten die Täuschung häufig und hielten die Pseudopatienten für Journalisten oder Professoren (aufgrund des häufigen Schreibens von Notizen), während das Personal sie als krank wahrnahm. Normale Verhaltensweisen, wie das Notieren von Beobachtungen, wurden als pathologisch interpretiert (z. B. "pathologisches Schreibverhalten"). Das Personal interagierte selten persönlich mit den Patienten und ignorierte viele Fragen.

Im einem spontanen Folge-Experiment informierte Rosenhan eine Klinik, die zuvor beteiligt gewesen war (und nach der Science-Publikation, die für Aufsehen gesorgt hatte, beweisen wollte, Gesunde sehr wohl von Kranken unterscheiden zu können), dass in den nächsten Monaten Pseudopatienten (gesunde Personen, die Symptome vortäuschen) eintreffen würden. Die Klinik sollte potenzielle Pseudopatienten identifizieren. Die so vorgewarnte Klinik identifizierte von 193 neu aufgenommenen Patienten 19 als mögliche Pseudopatienten. Tatsächlich hatte Rosenhan aber niemanden geschickt. Dies zeigte eine umgekehrte Voreingenommenheit - die Erwartung führte zu Fehldiagnosen.

Das Experiment enthüllte somit erhebliche Schwächen in der psychiatrischen Diagnostik und Behandlung der 1960er/1970er Jahre. Es zeigte, dass Diagnosen hochgradig subjektiv und unzuverlässig sein können: Gesunde Personen wurden als krank klassifiziert, und einmal gestellte Diagnosen prägten alle weiteren Beobachtungen (z. B. normales Verhalten wurde als Symptom der Krankheit umgedeutet). Es kam zu negativer Voreingenommenheit (confirmation bias) bei Klinikern. Zudem illustrierte es Dehumanisierung in Kliniken: Patienten wurden entpersonalisiert, ihre Rechte eingeschränkt, und echte Interaktionen mit dem Klinikpersonal waren oft nur minimal. Die Studie kritisierte die Machtdynamik in psychiatrischen Einrichtungen und die Stigmatisierung durch Diagnosen wie Schizophrenie, die als prinzipiell irreversibel galten.

Die Folgen

Die Ergebnisse des Experiments lösten eine rege Diskussion unter den Pychiatern und Psychologen, aber auch in der Öffentlichkeit aus und trugen zu späteren Reformen bei, wie der Überarbeitung des DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) mit klareren Kriterien für evidenzbasierte Diagnosen, die dadurch weniger subjektiv wurden und es kam generell zu einer Sensibilisierung für Patientenrechte. Auch wurden einige größere Anstalten zugunsten ambulanter Behandlungen geschlossen. Diese "Deinstitutionalisierung" hat zwar Anstalten und somit die Machtdynamiken darin reduziert, aber zu neuen Herausforderungen geführt, wie unzureichender ambulanter Versorgung und Obdachlosigkeit unter Betroffenen. Das alles ist vor allem in den USA passiert, hierzulande war und ist die ambulante Versorgung weit besser gelöst.
(Bei uns gibt es dafür komplett andere Probleme, nämlich psychiatrische Diagnosen als Entschuldigung für gewaltaffine Personen, da man mit purer Gewalt und bösartigem Charakter offenbar nicht anders umgehen kann, aber das nur am Rande.)

Der Betrug

Jahrzehnte später stellte sich aber heraus, vor allem durch die Nachforschungen2 der Enthüllungsjournalistin (ja, so etwas gibt es noch in anderen Ländern!) Susannah Cahalan, dass in der Studie Einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen war. 2019 hatte sie darüber ein Buch geschrieben:
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https://www.susannahcahalan.com/the-great-pretender

Z.B. war in der Original-Kankenakte von Rosenhans Psychiatrie-Aufenthalt zu lesen, dass dieser - entgegen der Darstellung im Science-Artikel - bei Befragungen teilweise Antworten gab, die auf mögliche Suizidalität schließen ließen, was die Arbeit krass verfälscht, denn die Pseudopatienten sollten sich ja völlig normal verhalten. Einer der Teilnehmer war von der Studie ausgeschlossen worden. Es war der Psychologiestudent Harry Lando, und seine Erfahrungen deckten sich so gar nicht mit denen der anderen Pseudopatienten. Er hatte von einer offenen, fürsorglichen und warmherzigen Atmosphäre in seiner Klinik berichtet2. Dieser Bericht passte wohl nicht in das Narrativ, das Rosenhan vermitteln wollte und so wurde er mit der fadenscheinigen Begründung, dass Lando Teile seiner Anamnese fabriziert hätte, ausgeschlossen.
Die angeblichen 2100 Tabletten (in einem späteren Interview hatte Rosenhan sogar 5000 angegeben!) würden bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 19 Tagen und 8 Patienten ca. 13 Tabletten pro Tag ausmachen - eine ungewöhnliche Zahl bei Patienten ohne Symptome! Auch konnte Cahalan ausser 2 Pseudopatienten keinen einzigen weiteren aufspüren, trotz größter Anstrengungen und mehrfacher öffentlichkeitswirsamer Aufrufe. Die Vermutung liegt im Raum, dass Rosenhan zumindest einige Versuchsteilnehmer einfach erfunden hatte (es wäre nicht das erste Mal in der Wissenschaftsgeschichte). Dafür spricht, dass Harry Lando, obwohl er von der Studie ausgeschlossen war, kleine Bruchstücke seiner Beobachtungen im Science-Artikel vorfand. Warum hätte Rosenhan das tun sollen, wenn er doch genug Material von 7 anderen Personen hatte?
Cahalan´s Theorie: Als Rosenhan Daten über sich selbst und die Pseudopatienten 2 und 3 (Bill Underwood und Harry Lando) bei einer Konferenz 1970 präsentiert hatte, bei der auch ein Science-Redakteur anwesend war, könnte dieser ihn ermutigt haben, noch mehr Patienten einzuschliessen und Science würde es dann publizieren. Es war aber offenbar sehr schwierig, Freiwillige zu finden, die sich selbst für eine unbekannte Zeit einweisen liessen und so könnte Rosenhan Teile seiner Daten erfunden haben. Da er die Krankenakten nie offengelegt hatte, wird sich die Wahrheit wohl nie aufklären lassen, Rosenhan starb 2012 und erlebte die Kritik an seiner Studie nicht mehr.

Die Moral

Ist es legitim, Gutes zu tun, in dem man eine im Kern wahre Botschaft mit Lügen aufbläst, um sie publizieren zu können? Es war klar, dass Rosenhan eine vorgefasste Meinung zu dem Thema hatte, was ironisch ist, denn genau das warf er den Klinikern selbst vor. Er wollte dieses Ergebnis, also bog er es zurecht (indem er einen Teilnehmer ausschloss, der Gegenteiliges berichtet hatte und über sich selbst log).
Die Studie hatte die Psychiatrie in den 1970ern ein gutes Stück verbessern können, aber meiner Meinung nach hatte Rosenhan dadurch die wissenschafliche Methode und sich selbst diskreditiert und damit einen zu hohen Preis gezahlt. Der Zweck heiligt nicht alle Mittel. Wenn nicht einmal in der Wissenschaft versucht wird, objektiv zu sein, sind Katastrophen früher oder später vorprogrammiert (Beispiele in der Geschichte gibt es genug dafür, man braucht dafür gar nicht lange suchen, die Covid-Massen"impfungen" wären gar nicht passiert, wenn die klinische Erforschung dieser Gentherapien nicht aufgrund des politischen Drucks massiv abgekürzt worden wäre).

Was meint Ihr dazu?

Quellen:
(1) https://web.archive.org/web/20070107073636/http://www.scottsdalecc.edu/ricker/pests/online_articles/Rosenhan1975.pdf
(2) https://www.sciencehistory.org/stories/distillations-pod/the-fraud-that-transformed-psychiatry/

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