Die Minoritenkirche

By @stayoutoftherz2/5/2026hive-163772

Liebe Leser,

die Wiener Minoritenkirche liegt etwas versteckt in der Altstadt, zwischen Burgtheater, Hofburg und der belebten Herrengasse, umringt von diversen Ministeriumsgebäuden und dem Bundeskanzleramt.
Die denkmalgeschützte röm.kath. Kirche ist heute Sitz der italienischsprachigen Gemeinde Wiens.

Der Name stammt von den Minoriten (fratres minores), ein Orden, aus dem später die Franziskaner und Kapuziner hervorgingen und der 1209 vom Hl. Franz von Assisi gegründet worden war. Nach einem großen Stadtbrand im Jahr 1275, bei dem auch die Kirche ihres Klosters abgebrannt war, legte König Ottokar II Přemysl den Grundstein für die neue Kirche des Minoritenklosters. Sie war eine der ersten gotischen Kirchen im ostösterreichischen Raum.
Die Habsburger ließen dann im 13. und 14. Jhd. Umbauten vornehmen, die ihr eher den Eindruck einer französischen Kathedrale verschafften als der Kirche eines Bettelordens.

Hier die Ostfassade. Der 65m hohe Glockenturm (1340 fertiggestellt) ist unten Teil der Außenmauer und im oberen Teil achteckig, dazwischen (ca. auf 25m Höhe) ist links davon eine Nische mit einer Statue, die vermutlich den Erbauer des Turm zeigt, Laienbruder Nikolaus. Da man von dort gut über die Stadtmauer sehen und die Truppenbewegungen von Angreifern beobachten konnte, wurde der Turm bei beiden Türkenbelagerungen 1529 und 1683 durch Kanonenbeschuss zerstört und danach wieder aufgerichtet, nur das ursprüngliche Spitzdach wurde 1761 durch ein Flachdach ersetzt.
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Detail am Rande: Ich wollte vor ein paar Jahren den Turm besteigen, da man von dort die mit Abstand beste Aussicht auf das älteste Hochhaus Wiens in der Herrengasse hat (hier, erstes Bild), aber wegen Einsturzgefahr ist das Besteigen des Turms verboten, aus dem gleichen Grund darf auch die von 1907 aus Trient stammende „Antonius-Glocke“ nicht mehr geläutet werden.

Nach den Umbauten im 14.Jhd. blieb die Kirche lange Zeit weitgehend unverändert, bis Ende des 18.Jdhs. die Minoriten ausquartiert wurden und die Kirche Eigentum der Italienischen Kongregation Maria Schnee wurde. Diese Laienkongregation hatte bisher eine andere Kirche in der Nähe benutzt, die den 7000 Mitgliedern der italienischen Gemeinde in Wien aber zu klein geworden war. Somit wurde die Minoritenkirche zur italienischen Nationalkirche erklärt und auch heute noch sind alle Texte dort zweisprachig, deutsch und italienisch und Messen in italienisch werden regelmässig abgehalten. Im 18. und 19. Jhd. fanden dann einige Umbauten statt, unter anderem wurde eine Sakristei angebaut (wo heute eine italienische Schule untergebracht ist, im oberen Bild links) und dieser Arkadengang im Süden (der heute den Haupteingang beherbergt).
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Rechts vor der Kirche, mitten auf dem Minoritenplatz steht auch ein moderneres "Kunstwerk". Die 1973 errichtete Stele ist Leopold Figl (1902-1965) gewidmet, dem ersten Bundeskanzler der Zweiten Republik. Es wundert mich nicht, dass im Roten Wien der Mitgründer der ÖVP (1945) nicht besser gewürdigt wurde.
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Zurück zu echter Kunst. Die Westfassade mit den 3 Portalen (zwei davon wurden 1513 zugemauert) und den jeweils darüberliegenden hohen, spitzbogigen Fenstern. Am rechten Rand der Fassade erhebt sich ein kleiner neugotischer Glockenturm, dessen linkes Pendant nie realisiert wurde.
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Das 11m hohe und 8,5m breite mittlere Spitzbogenportal. Die Figuren des Tympanons und in den Bögen sind sehr elegant und feingliedrig dargestellt – ein deutlicher französischer Einfluss.
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Der Innenraum mit dem Kreuzkuppelgewölbe.
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Bemerkenswert ist die an der nördlichen Längsseite angebrachte Reproduktion des "Letzten Abendmahls" mit genau den gleichen Dimensionen des Originals in Mailand - 9,18m breit und 4,48m hoch. Es ist allerdings als Mosaik ausgeführt und wiegt 20 Tonnen! Geschaffen 1805-1814 vom röm. Künstler Giacomo Raffaelli für Napoleon Bonaparte, wurde es aber vom Kaiserhof unter Kaiser Franz II. (Napoleons Schwiegervater!) für das Belvedere erworben und später der Minoritenkirche überlassen (weil es für das Belvedere zu groß war), wo es seit 1847 hängt. Es zeigt die berühmte Szene mit dem Tumult unter den Aposteln, unmittelbar nachdem Jesus ihnen verkündet "Einer von Euch wird mich verraten!". Wisst Ihr, wo im Bild der Verräter ist?
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Detail: Man beachte die Spiegelung in den Gläsern, die Falten im Tischtuch oder die Details der Haare - für ein Mosaik recht ungewöhnlich. Kein Wunder, dass der Künstler erst damit fertig wurde, als Napoleon schon entmachtet worden war.
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Mehr über das Werk hier.

Vis a vis davon das 1855 von Vincenzo Luccardi erschaffene Denkmal für den Librettisten und Wiener Hofdichter Pietro Metastasio. Er wurde 1782 ein Opfer der in Wien wütenden Pest. Das Relief zeigt, wie Papst Pius VI. den sterbenden Dichter segnet. Hinter Metastasio stehen Antonio Salieri und Mozart (der sich eine Träne abtrocknet), während der fromme Joseph Haydn kniet.
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Ebenfalls heute im Inneren der Kirche ist ein Fresko des Hl. Franziskus aufgestellt (das früher woanders stand). Es ist auf Stein gemalt und stammt vom Ende des 15. / Beginn des 16.Jhds. von einem unbekannten Künstler. Es soll sich um eine der zartesten und ausdrucksvollsten Darstellungen des Heiligen handeln (Quelle).
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Die über dem Hauptportal befindliche Orgel und das Mosaikfenster.
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Detail.
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Last not least: Die sehenswerte interaktive sizilianische Weihnachtskrippe, die alljährlich in der Minoritenkirche zu bestaunen ist.
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Video dazu:
https://www.youtube.com/watch?v=KpJkwiXvgJg

Falls Ihr mal in Wien seid - ein Besuch lohnt sich!

Minoritenkirche Wien
Minoritenplatz 2A, 1010 Wien
https://www.minoritenkirche.wien/minoritenkirche/home
Geschichte & Kunstschätze: http://www.minoritenkirche-wien.info/daten/frame.htm

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